Die Frage nach der Freiheit …

IMG_8609Prominent besetztes deutsch-niederländisches Podium diskutiert in Münster über ein hohes Gut, das nicht zur Selbstverständlichkeit werden darf.

Was ist Freiheit? So lautete die Kernfrage des in der Bibliothek des Hauses der Niederlande stattfindenden Diskussionsabends vom 16. Juni 2015, zu dem das Zentrum für Niederlande-Studien eingeladen hatte. In Zusammenarbeit mit der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen und dem deutsch-niederländischen Forum, das in Kooperation mit den Außenministerien beider Länder regelmäßig Tagungen zu aktuellen Themen organisiert, war es den Organisatoren möglich, u.a. die folgenden Redner und Mitdiskutanten für den Abend zu gewinnen: Dr. Angelica Schwall-Düren, Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D., Prof. Dr. Jan Peter Balkenende, ehemaliger Ministerpräsident der Niederlande, und Hans Laroes, Vorstandsmitglied des Nationaal Comité 4 en 5 mei

Nach der Begrüßung und einer kurzen thematischen Einleitung durch den Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien, Prof. Dr. Friso Wielenga, der zugleich als Diskussionsleiter fungierte, sollte es in den Eingangsstatements der Podiumsdiskutanten sowie in der sich daran anschließenden Diskussion im Plenum vornehmlich um folgende Fragen gehen: Was bedeutet Freiheit heute? Wie reagieren wir auf aktuelle Bedrohungen? Gibt es unterschiedliche Akzente des Freiheitsverständnisses in Deutschland und den Niederlanden?

In einem Punkt war man sich schnell einig: Die Frage nach der Freiheit kann nicht diskutiert, geschweige denn beantwortet werden, wenn der Begriff der Verantwortung nicht mitgedacht wird. So sprach Angelica Schwall-Düren beispielsweise von einer „verantworteten“ Freiheit und betonte neben der Tatsache, dass es zu freiheitlichem Handeln vor allem auch soziale Voraussetzungen wie etwa Bildung und Ressourcen brauche, dass Freiheit in erster Linie „in Kooperation“, d.h. auch über Grenzen hinweg praktiziert werden müsse. Nur so könne man dieser „verantworteten Freiheit gemeinsam gerecht werden“, lautete ihr Fazit.

Jan Peter Balkenende schloss sich dieser Aussage an, indem er sogleich drei für ihn wesentliche Punkte ins Zentrum rückte und betonte, dass Freiheit grundsätzlich immer auch eine moralische Dimension habe, dass Freiheit immer auch mit einer gewissen Verantwortlichkeit einhergehe, und dass Freiheitsdebatten immer unumstößlich mit Wertedebatten verbunden seien. („Was bedeutet meine Freiheit für den anderen?“, „Kann meine Freiheit auf Kosten der anderen gehen?“, „Kann Freiheit unbegrenzt sein?“)

Mit dem Satz „Freiheit ist ein schwierig’ Ding.“ schloss sich Rita Süssmuth in ihrem Eingangsstatement an. Im „rechten Umgang mit Freiheit“ stoße man stets auf Anstrengungen und Widerstände. Man müsse permanent für seine Freiheiten kämpfen – sei es in Wissenschaft oder Politik –, wobei es im Zuge dieses Kampfes immer Grundvoraussetzung sei, den jeweils anderen in seinem vor allem „positiven“ Anderssein anzunehmen und ihm letztlich in gleichem Maße all diejenigen Freiheiten zu gewähren, die man auch für sich selbst als Selbstverständlichkeit beansprucht.

Auch Hans Laroes pflichtete dem bei. Er schloss sich seinen Vorrednern insofern an, als dass er betonte, dass es immer von größter Wichtigkeit sei, das Verhältnis zu sehen, in welchem die Freiheit eines einzelnen Bürgers zu derjenigen eines anderen stehe. Auch brauche man nicht die gleiche Geschichte zu haben (siehe Deutschland und die Niederlande), um „gemeinsam an einer gleichen Freiheit arbeiten“ zu können.IMG_8662

In der sich anschließenden Diskussion im Plenum gelangte man stets zu derselben Erkenntnis: Freiheit braucht den anderen; und Freiheit braucht das ständige Gespräch, die gesellschaftliche sowie politische Debatte, und vor allem auch die grenzüberschreitende Debatte. Vor dem Hintergrund der an sich simplen Erkenntnis „Ja, es gibt das Anderssein des anderen“, wie Rita Süssmuth sich ausdrückte, müssen wir uns die Frage nach der Freiheit immer wieder neu stellen. Und die fundamentale Relevanz dieses hohen Gutes ist dabei immer die entscheidende Komponente, ob wir nun über Religion oder Demokratieverständnis sprechen, über Pressefreiheit oder die Rolle der Frau in der Gesellschaft, oder davon, inwieweit es Aufgabe des Staates ist, die Meinungsfreiheit zu begrenzen. Wer den Freiheitsbegriff nicht in seiner Dynamik und aus der Multiperspektive betrachtet, sondern, im Gegenteil, ihn zu einer Art erstarrten Selbstverständlichkeit werden lässt, der wird ihm nicht mehr gerecht.

Lasst sie uns also weiterführen, die Freiheitsdebatte. Vielleicht können wir dies ja sogar irgendwann einmal tun, nachdem der 8. Mai in Deutschland zu einem Feiertag geworden ist.

Weitere Infos zur Veranstaltung sowie eine Fotostrecke gibt es unter http://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/aktuelles/archiv/2015/juni/0617freiheit.html

Text: Linus Weinitschke, Fotos: Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Zentrum für Niederlande-Studien

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