4. Mai: Gedenken – aus deutscher Perspektive

Nun haben wir uns ausreichend Gedanken gemacht, wie wir zu den Themen Gedenken und Befreiung feiern können stehen. Die Köpfe hinter dieser Internetseite und hinten den laufenden Projekten für dieses Jahr sind sich ziemlich einig darin: Es ist toll, den Umgang der Niederländer mit der Geschichte auch von deutscher Seite aus zu betrachten – und vielleicht ein bisschen davon über die Grenze hinweg zu tragen. Am 4. und 5. Mai konnte ich mir nun auch selbst ein Bild davon machen.

Das nationale Komitee für die beiden Feierlichkeiten am 4. und 5. Mai macht einen hervorragenden Job. Soviel vorab. Wird den Deutschen stereotypisch der Drang zur Perfektion bei Planungen und Durchführungen zugeschrieben, stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „Nationaal Comité 4en5 mei“ dem in nichts nach. 

Am Montagmorgen beginnt eine kleine Reise durch Amsterdam. In der Innenstadt werden die Spuren der Nacht gereinigt, die die internationalen Gäste täglich mit sich bringen. Und ganz unauffällig beginnen die Aufbauarbeiten für eine Großveranstaltung – alles ohne Hektik und doch sehr akkurat. Sympathisch. Während eines Rundgangs durch die Stadt fallen zwei Dinge auf: Viele Häuser und Kirchen sind beflaggt. Die Flaggen hängen auf Halbmast. Und am Rande der „Skinny bridge“ (der „mageren Brücke“), direkt an der Nieuwe Prinsengracht, steht eine riesige Tribüne. Zum Nachmittag werden die Auswirkungen der Veranstaltung am Dam sichtbar. Mehrere Durchgänge und ein paar Straßen sind nun gesperrt. Ab 18 Uhr beginnt die zentrale Gedenkveranstaltung zum Dodenherendenking 2015 – ab 19 Uhr auch live im TV. In der ehrwürdigen Nieuwe Kerk, der Krönungskirche der niederländischen Monarchen, haben die geladenen Gäste ihre Plätze eingenommen. Und nun beginnt etwas, dass ich aus der Presseloge mit Ehrfurcht und Respekt verfolgen darf. Ein niederländischer Kollege ist bereits vor der Veranstaltung bewegt: Als er zum ersten Mal an der Gedenkfeier teilnehmen durfte, saß er neben einem Deutschen. Genau wie heute. Das ist nicht nur ungewöhnlich, da ausländische Gäste eher selten am Gedenktag teilnehmen dürfen. Er hat jüdische Wurzeln und ist 70 Jahre nach dem Krieg von den Emotionen fast überwältigt. Und dennoch nimmt er sich Zeit und erklärt mir das Prozedere. „Dort musst du hinschauen, dort läuft gleich die Königsfamilie ein.“ Er spürt meine Dankbarkeit und seine Nervosität legt sich etwas.

Vorbereitungen für die nationale Gedenkveranstaltung in der Nieuwe Kerk
Vorbereitungen für die nationale Gedenkveranstaltung in der Nieuwe Kerk.

Die Gedenkveranstaltung hat unwahrscheinlich viel Stil. Mit einem hohen Maß an Würde und ohne Überfrachtung entführen der Chor und die beiden Redner die Anwesenden in eine Sphäre von Andacht, Rührung und Ehrfurcht. Auch in den Augen des Königs und der Königin spiegelt sich diese Stimmung wider. Es ist authentisch, was hier passiert. Nach einem weiteren Lied und einer Strophe der Nationalhymne steht die Gesellschaft auf und bewegt sich über den Vorplatz des Königspalastes zum Nationaal Monument. Hier beginnt gleich die Kranzniederlegung. Doch vorher: Punkt 20 Uhr wird es zwei Minuten lang still – im ganzen Land. Und auch hier fällt auf: Die Ruhe wird eingehalten. Alle machen mit. Das bewegt und verbindet – alle Anwesenden. Auch mich. Über Amsterdam fliegt kein Flugzeug, die Straßenbahnen halten an. Zwei Minuten Luft holen und besinnen – auf die Opfer von Kriegen und Gewalt, auf die Toten, auf Schicksale und letztlich auch auf sich selbst. Mir bleibt Dankbarkeit in Erinnerung, an diesem Tag teilnehmen zu dürfen. Und zu sehen, wie einfach und dennoch tiefgreifend Erinnern und Gedenken sein kann.

Und dann kommt ja noch der 5. Mai. Der Befreiungstag, ein Feiertag im wörtlichsten Sinne. Dazu demnächst mehr …

Mehr von der Zeremonie auf dem Dam gibt es hier zu sehen: Video 

(und etwas kürzer hier)

 

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